Weihnachtsfenster

Das gewickelte Kind auf Stroh lässt sich zwar schnell entdecken. Trotzdem ist es keine Szene, die unmittelbar anspricht. Unbewusst vergleichen wir mit den vielen Weihnachtsdarstellungen, die wir als innere Bilder ins uns tragen. Der Wiedererkennungseffekt bleibt aus. Was ist denn hier anders?
Im Lukasevangelium verkündet der Engel den Hirten die Geburt. Er nennt die Merkmale, wie sie das Kind identifizieren können. Es ist gewickelt, und es liegt in einer Futterkrippe. Die Hirten sagen dann zueinander: Lasst uns nach Bethlehem gehen und die Geschichte sehen ...
Gehen und sehen. Das Kind, Maria und Joseph finden und dann schauen. Diesem Impuls folgen seit Jahrhunderten die darstellenden Künstler und zeigen uns dann, was es zu sehen gab. Bei Lukas steht davon aber nichts. Es heisst nur, dass die Hirten das, was ihnen gesagt wurde, bestätigt finden: Maria, Joseph und das neugeborene Kind in der Krippe. Aber wie es dort aussieht, wo diese Krippe steht davon heisst es nichts. Der Ochse und der Esel, das schummrige Licht, die landwirtschaftlichen Gerätschaften, die normalerweise Weihnachtsdarstellungen zieren, die haben die Künstler nach eigener Vorstellung dazu erfunden. Sie malen sich aus, was für eine Geschichte die Hirten zu sehen bekamen.
Nicht so Max Hunziker. Wenn man sich fragt, was es denn bei ihm zu sehen gibt, dann fällt auf, dass es eigentlich umgekehrt ist. Er lässt uns keine Geschichte sehen, wir werden angesehen. Ein Weihnachtsbild, das uns, die Betrachter, anschaut.
Über die erste Irritation hinaus, sieht man dann aber doch: Maria, Joseph und das Kind haben die Hände gefaltet, sogar der Engel. Sie beten. Hunziker stellt auch etwas dar, was in der Weihnachtsgeschichte steht. Er zeigt die Reaktion auf das, was die Hirten den Eltern über ihr neugeborenes Kind zu sagen hatten. Euch ist heute der Retter geboren worden, der Gesalbte, der Herr. Wenn sie jetzt dastehen, gleichsam in Achtungsstellung und beten, dann ist offenbar dargestellt, was Lukas von Maria erzählt: Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
Die Provokation, das Ungewohnte, die Verfremdung entsteht aus dieser von Hunziker erfassten theologischen Überraschung: Die Hirten, diese ersten Besucher aus der näheren Umgebung, sie bringen ja erst die Botschaft und bewirken damit Staunen, Anbetung und Ergriffenheit. Sie machen die Familie erst zur heiligen Familie. Alles geht aus von der über den Engel ausgerichteten Verkündigung. Und das ist wohl der Grund, weshalb der Engel auf dem ganzen Bild so viel Platz beansprucht.
Text: Hansjakob Schibler, Fotos: Peter Schärer
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