Adam und Eva Fenster

Eine nackte Frau, ein nackter Mann, beide als Adam und Eva erkennbar, flankieren eine grausige, abstossende Figur. Die Dornenkugel über ihrem Kopf, ausserhalb des Rahmens, und die ausladenden Dornäste unter ihren Füssen heben sie hervor. Sie hat drei Gesichter, zwei im Profil und eines zum Betrachter hin.
Wegen der schwarzweissen Sprenkelung des Körpers und den schwarzen Augenhöhlen erinnert die Figur an ein Totengerippe. Aber eigentlich ist es ein voller Körper und in seiner Art völlig auf die Körper der beiden Figuren links und rechts bezogen.
Die Gestalten der Frau und des Mannes zeigen im Körperbau einen deutlichen Geschlechtsunterschied, sind aber eigentlich erstaunlich symmetrisch. Die Frau, in einem warmen Rosafarbton gehalten, ist etwas kleiner, die Körperhaltung etwas lockerer und weicher als die des Mannes, die langen schwarzen Haare fallen über die rechte Schulter. Der Mann mit einer etwas herberen, grünlichgelblichen Körperfarbe hat einen schwarzen Bart und auffällig struppig strähnige Haare. Die Frau hat ihr rechtes, der Mann sein linkes Knie etwas abgedreht. Er hat den linken Fuss vor dem rechten, die Frau den rechten aber hinter dem linken. Das macht den Eindruck, als könnten sich die beiden einander zuwenden, aber so, dass der Mann einen halben Schritt vorrückt, sie eher einen halben zurückweicht.
Die Oberkörper sind allerdings ganz gegen vorne gerichtet. Die Köpfe dann aber wieder deutlich zu einander gedreht. Die beiden schauen sich an. Im Vergleich zu allen anderen Figuren der Bilderreihe ist das eine auffällige Ausnahme. Normalerweise schauen sie in Richtung des Betrachters, wenn auch nicht genau gezielt. Speziell ist die Haltung der Arme. Der Aussenarm fällt gerade herunter, bei der Frau entsprechend ihrer Hüfte etwas gerundet. Der Innen Arm ist so angewinkelt, dass er horizontal über den Bauch fährt. Beide Gestalten sind völlig nackt, die Scham bei der Frau nicht, das Geschlecht beim Mann nur leicht angedeutet, auf jeden Fall aber bei beiden nicht bedeckt.
An der Haltung der Extremitäten der mittleren Figur fällt auf, dass aus der Symmetrie der Aussenfiguren bei ihr jetzt eine Art Verschränkung entsteht. Die Beine sind so gekreuzt, als wären es die hinteren Beine der beiden Aussenfiguren. Das ergibt eine völlig unnatürliche Stolperstellung. Es sieht aus, als würde sich das Verrücken und Zurück weichen gegenseitig in die Quere kommen. Auch die Arme sind gekreuzt, über dem Bauch, die Handstellung exakt die gleiche wie bei den inneren Armen des Mannes und der Frau.
Im Hintergrund der Figuren gibt es schöne farbige Bänder. Starkes Grün, Blau, Rot und Schwarz mit aufgehellten Partien und dunklen Flecken. Erkennbar sind die Linien eines Dreiecks, das seine Spitze etwa in der Mitte der schwarzen Figur hat und dessen Schenkel neben den Füssen der beiden Aussenfiguren enden. Die mittlere Figur ist so etwas wie eine Chimäre, Mischwesen von Mann und Frau, ein Vexierbild oder ein doppelter Spiegel. Das typisch Männliche und typisch Weibliche bei der Frau und dem Mann durch die Körperform, Körperfarbe und Körperhaltung unaufdringlich, aber klar angedeutet, kommt in der mittleren Figur durcheinander. Es ist nicht mehr eindeutig, was wozu gehört.
Warum die Figur so abstossend, todähnlich aussieht, ist damit aber noch nicht erklärt. Warum sie drei und nicht nur zwei Gesichter hat, auch noch nicht, und auch nicht, was es mit dem Dreieck dahinter auf sich hat. Mit den Dornen, aus denen diese Figur herauswächst, ist es einfacher. Von ihnen ist in der Schöpfungsgeschichte die Rede, sie sind dem Menschenpaar gleichsam als Strafe für den Sündenfall verheissen oder angedroht. Sie weisen auf den harten Alltag und Werktag, auf die Tatsache, dass dem Menschen nicht mehr wie im Paradies alles geschenkt wird, sondern er es sich selber erarbeiten muss.
Zwischen Adam und Eva steht bei Hunziker nicht der Baum, (obwohl die Figur mit ihren Wurzeln etwas baumartiges hat) nicht die Schlange und nicht die verbotene Frucht, wie auf den meisten Darstellungen sonst. Nein, es ist dieser Januskopf, der aber eigentlich ein Dreikopf ist. Janus, das wäre ein Hinweis auf den Anfang, die Schöpfung eben. Ein Hinweis auch auf die Doppeldeutigkeit des Geschehens: Sündenfall, Selbstbewusstsein, Todesbewusstsein, Menschwerdung.
Aber vielleicht ist es entscheidend, dass die Figur drei Gesichter hat. Dafür spricht ja auch das Dreieck. Es könnte auch ein Hinweis sein auf Gott, eine ganz neue Art der Trinität, jetzt nicht Vater, Sohn und Heiliger Geist, sondern Frau und Mann, ihre Beziehung als Bild und Hinweis auf Gott.
Der Bezug zum Unser Vater ist die Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse und von dem Bösen. Und das Böse, die Versuchung dazu, wäre gerade das, sie nicht dort zu suchen, wo sie ihren Ursprung hat, im Bewusstsein des Todes, wo sie aber durch die Liebe auch überwunden und zur Versuchung des Lebens und dessen Weitergabe werden kann.
Text: Hansjakob Schibler, Fotos: Peter Schärer
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