Offenbarungsfenster

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Ein hellblauer Himmel mit roten Tropfen füllt das ganze Fenster. Genau in der Mitte ein weisses Lamm. Dahinter, vier Felder einnehmend, ein Engel mit hochgestellten, blauweiss gefiederten Flügeln, schwebend mit ausgebreiteten Armen. Im untersten Feld ein Kelch, gestellt auf das sanfte Rund eines Regenbogens. Den Regenbogen durchbrechend unten von der Mitte her ranken sich nach links und rechts zwei Stile mit kelchförmigen Blüten. 

Die bisher beschriebenen Symbole sind alle leicht zu identifi­zieren. Schwieriger wird es mit den geometrischen Formen, in die das Lamm eingefügt dasteht. Ein Kreis in einem Quadrat. Den mit winzigen Sternen gesäumten Kreis überziehen die blauen und grünlichen Balken eines symmetrischen Kreuzes. Im Quadrat sind andererseits die gegenüberliegenden Ecken durch rote Bänder verbunden. 

Was Hunziker hier ikonographisch andeutet, ist das neue Jerusa­lem in der Heilszeit. Die Vorstellung ist schon im Ezechielbuch dokumentiert und spielt dann in der Offenbarung des Johannes eine wichtige Rolle. 

Das Offenbarungsfenster bietet gleichsam die Auflösung zum Paradiesfenster, es zeigt zwar den Schlüssel, der das Paradies wieder öffnen kann, tut dies, um im Bild zu bleiben, aber durchaus verschlüsselt, mit zwar bekannten Motiven aus der christlichen Kunst, die aber sehr eigenwillig kombiniert und einander zugeordnet werden. Da ist zuunterst das Versöhnungszeichen des Alten Bundes, der Regenbogen. Auf ihm steht der Kelch, durch ihn hindurch dringen die pflanzlichen Kelche. Mit den Tropfen, welche aus dem Himmel fallen, lassen sich einerseits Regentropfen assoziieren, die zusammen mit dem Sonnenschein erst den Regenbogen ermöglichen, aber auch das Wachstum des Lebens. Die rote Farbe der Tropfen lassen sie aber auch als Blutstropfen erkennen, Zusammen mit dem Kelch denkt man dabei ans Blut des Abendmahls. Dafür, dass es um das Opfer Christi geht, steht das Lamm. 

Die Form der Tropfen deuten gegenüber dem schwebenden Engel, dem schwebenden Jerusalem und dem schwebenden Lamm eine klare Schwerkraft an. Sie fallen nach unten auf die Erde. Sie fallen durch den Regen­bogen, sie fallen auch ins Ausserhalb des Fensters, sie halten sich an keinen Rahmen. Einer fällt in den Weinkelch, andere fallen in die Blumenkelche. 

Mit den Tropfen verbinden sich zwei Sprichwörter, ob der Künstler an sie gedacht hat? 
Wie ein Tropfen auf einen heissen Stein, meint eine Anstrengung, die für aussichtslos gehalten wird. Wenn andererseits der stete Tropfen den Stein höhlt, führen unscheinbare Anstrengungen irgendeinmal doch zum Erfolg. (Wenn die Pfarrperson nach gehaltener Predigt auf der Kanzel­bank sitzt, erkennt sie vis-à-vis genau das Dilemma, in der sie sich befindet. Und fühlt sich vielleicht selber wie so ein armer, reicher Tropf!) 

Beim farblichen Vergleich der beiden Seitenfenster des Chores fällt auf, dass im Paradiesfenster neben den hellen Pastellfarben der Blätter der erdige Rotton dominiert, während es im Offenba­rungsfenster das Himmelblau ist. In beiden Fenstern ist aber das Wichtige durch die jeweils andere Farbe konterkariert. Im Paradiesfenster die Wächterengel, im Offenbarungsfenster die BIutstropfen. 

Wenn man daran denkt, dass Hunziker zunächst nur den Auftrag für die Chorfenster hatte, dann wird klar, dass die dem Unser Vater unmittelbar benachbarten Fenster offensichtlich das illustrieren, was ihm an dem Gebet am wichtigsten war. Und dabei kann es sich nur um die Bitte „Und vergib unsere Schuld" und um die Doxologie (Rühmung), ,,denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit" handeln. 

Text: Hansjakob Schibler, Fotos: Peter Schärer 

 

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