Paradiesfenster

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Unter dem blütengeschmückten Baum stehen die beiden Engel, die das verschlossene Paradies bewachen. Unten in der Erde züngeln die Flammen des Feuers. 

Der Baum hat Wurzeln, einen Stamm und einen Blätterkörper. Dreiteilig ist auch das grüne durchgängige „Gerippe" des Baumes. Unter der kopfförmigen Krone überkreuzen sich ihre drei Äste und laufen dann weiter abwärts, in der Mitte ein gerader Ast, links und rechts je ein ausgebauchter, so dass sie ein Oval bilden. Genau in der Hälfte des Fensters, also in der Mitte des dritten Abschnittes, vereinigen sich die Äste wieder und laufen jetzt als eng geführter Stamm mit drei verzapften Strängen weiter zum Boden. Im untersten Fenster gehen die drei Stränge, jetzt als Wurzelzweige, wieder auseinander. Wie drei Zangen greifen sie nach einem in eine schwarze Kugel gefügten stilisierten Feuer, dessen rote Flammen wie Blüten- und Kelchblätter aus einem Zentrum herauswachsen. Den Hintergrund dieses untersten Fensterabschnittes bilden zehn querlaufende Farbstreifen, welche von rot über orange, gelb, grün, blau und violett in etwa der Musterung, aber nicht der Farbenzahl des Regenbogens entsprechen.

Neben dem grünen Geflecht des Stammes, links und rechts steht je eine Engelsfigur, mit weissem reglosem Gesicht, weissen Flügeln und einem Körper, der aussieht wie ein sich nach unten verjüngendes Kirchenfenster. Oben im Bogen ein weisses Kreuz, dessen unterer Arm als rote Schlangenlinie zum Boden läuft. Die Kontur der Engelskörper ist eine weisse Linie, die vom unteren Teil der bis zum Boden reichenden Flügel gerade noch sichtbar bleibt. Ausgefüllt ist der Körper mit einem tiefen Blau, das den Blick in den Himmel freigibt. Der Hintergrund des ganzen Baumes ist ein rostrotes Gewölk, man weiss nicht, ist es der aufsteigende Rauch des Feuers in der Wurzel, oder ist es die aufziehende Morgendämmerung. Helles Licht liegt indessen auf den weissen Blättern, den hellblauen Blüten und gelblichen Früchten des Baumkörpers.

Die Szene nimmt offensichtlich Bezug auf das Ende der Schöpfungsgeschichte (Gen 2,4b bis 3,24). Nachdem das Menschenpaar vom Baum der Erkenntnis genascht und sich seiner Schuldfähigkeit bewusst geworden ist, wird es von Gott aus dem Paradies vertrieben. Noch steht da ein zweiter Baum, der Baum des Lebens. Von ihm zu essen, würde den Menschen unsterblich machen. Um das zu verhindern, wird der Baum durch die Cheruben geschützt. 

Die Darstellung des Künstlers ist, einmal mehr, eigenwillig und geheimnisvoll. Am offensichtlichsten ist das Spiel mit der Dreizahl. Möglicherweise ein Hinweis auf die Trinität. Auf das Leben bezogen kann man denken an die Trias von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aber auch an Blühen, Reifen und Vergehen. Daneben gibt es aber auch andere Zahlenmengen mit symbolischer Bedeutung. Es sind sieben fünfblättrige Blüten. Es sind zehn Farbstreifen unter dem Boden. Das Feuer hat zwölf Flammenzungen. Es sind zwei Engel mit je (nur) zwei Flügeln. Finden kann man auch die klassischen vier Elemente, Wasser, Erde, Luft und Feuer. 

Das Blätterkleid des Baumes ist ein Kaleidoskop von hellen Pastelltönen, die sich bei Lichteinfall an den Seitenwänden der Fenster spiegeln. Im Kontrast zu dem Farbentanz wirkt die ganze Szene wegen der beiden Engel mit ihren Schwertern eher statisch und abweisend. Es scheint, was der Baum verspricht, schön, aber unerreichbar, voller Sehnsucht, aber hinter ehrwürdiger Verschlossenheit Die Auflösung dessen, was Hunziker uns darstellt, findet sich am Schönsten in dem Weihnachtslied von Nikolaus Hermann (RG 395) ,,Lobt Gott ihr Christen alle gleich", wo es in der 5. Strophe heisst: ,,Heut schleust er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Kerub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis."

Der Bezug zum Unser Vater muss in der für den Künstler zentralen Bitte: ,,Und vergib uns unsere Schuld" gesucht werden. Dabei ist daran zu denken, wie Gott in Christus uns die Schuld vergibt. Hunziker zeigt uns das in der Spannung zwischen dem Paradiesfenster und dem Offenbarungsfenster. Er hat es dann, als die Erweiterung durch die zusätzlichen 8 Fenster beschlossen war, in der Gegenüberstellung von Weihnachtsfenster und Auferstehungsfenster wiederholt und mit einem viel deutlicheren Verweis auf die Urdaten des christlichen Bekenntnisses (Geburt, Kreuz und Auferstehung) ergänzt.

Text: Hansjakob Schibler, Fotos: Peter Schärer 

 

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